Max Mannheimer 
 
Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz und Dachau,
Gründungsmitglied und Ehrenvorsitzender des BWV-Bayern

 ist am 23. September 2016 im Alter von 96 Jahren gestorben




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in FuR 2016 u. a.:

Hans-Jürgen Grasemann
Die Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter

Armin Pfahl Traughber
Hat der islamistische Terrorismus etwas mit dem Islam zu tun?

Gerald Wiemers
Das lange Ringen um Anerkennung (22. Halle-Forum)

Bernd Lippmann
Mit Geheimdienstakten zum Abitur

Die “britischen” Deutschen Drucken E-Mail

von Martin Rooney

In England hat es schon immer Deutsche gegeben. Im 18. und 19. Jahrhundert war Deutsch nicht nur die Sprache des Königshofs, auch in der Londoner City gab es Zeiten, zu denen man dort fast soviel Deutsch wie Englisch hörte, und ähnliches galt für andere Städte wie Manchester, Bradford, Sheffield oder Bristol. Viele derer, die Deutsch sprachen, waren Juden, doch war auch die Zahl der nichtjüdischen Deutschen in England beträchtlich.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten strömten jährlich Tausende von Flüchtlingen auf die Insel, und dieser Strom wurde von Jahr zu Jahr stärker. Deutsche Staatsbürger benötigten kein Visum, wohl aber Pass- und Staatenlose. Ob es ausgestellt wurde, entschied nicht der jeweilige britische Konsul, sondern das Foreign Office in London. Die endgültige Entscheidung, ob der Auswanderer aus Deutschland tatsächlich nach Großbritannien einreisen durfte, lag im Ermessen des Einwanderungsbeamten, der den Reisenden beim Betreten britischen Bodens visierte. Er entschied in letzter Instanz darüber, ob der Ankömmling ins Land gelassen wurde oder ob er die Rückreise zum Kontinent antreten musste.

Nur denjenigen, die glaubhaft machen konnten, dass sie dem britischen Staat nicht zur Last fallen würden, wurde die Einreise gewährt. Solche Personen waren entweder begütert, oder sie besaßen irgendwelche Fertigkeiten, an denen es in England fehlte, oder aber es stand fest, dass sie England schnell wieder verlassen würden. 1938 kamen Österreicher und Sudetendeutsche, dann schon zu deutschen Staatsangehörigen geworden, zu den Deutschen aus dem Reich, und im gleichen Jahr begannen die bekannten Kindertransporte, wobei jüdische und christliche Hilfsorganisationen etwa 10 000 Kinder von rassisch Verfolgten nach England brachten.

Die etwa 75 000 Deutschen, die sich zu Kriegsbeginn 1939 in England befanden, waren ein bunter Haufen. Mehr als die Hälfte dürfte offiziell jüdischen Glaubens gewesen sein, doch es gab auch ein starkes Element von Leuten, die, von den Nürnberger Rassengesetzen zu Juden oder Mischlingen abgestempelt, sich selbst nicht zum Judentum bekannten. Dazu kamen die politischen Flüchtlinge und schließlich auch eine nicht zu vernachlässigende Gruppe von unpolitischen „arischen“ Deutschen. Auch ein paar illustre Namen gesellten sich später hinzu. Darunter waren etwa der Schriftsteller Arthur Koestler, der „entartete“ Künstler Johannes Koelz und Martin Freud, der älteste Sohn Sigmund Freuds. Die große Mehrheit war bürgerlicher Herkunft, doch mussten die Emigranten in vielen Fällen den sozialen Absturz zu mittellosen Asylsuchenden erleiden. Etwa zwei Drittel entstammten dem alten Reichsgebiet, wo sie von überall her kamen, und das restliche Drittel bestand größtenteils aus Österreichern, vor allem aus Wien. In Deutschland waren diese Menschen der Hitler-Diktatur ausgeliefert gewesen. Sobald sie als Flüchtlinge nach England kamen, wollten sie sich revanchieren. Darunter waren Juden, Demokraten, Sozialisten und Konservative, die den verhängnisvollen Illusionen der englischen Pazifisten über das NS-Regime mit großer Skepsis begegneten. Ihre Einstellungen gingen oftmals weit auseinander. Ihr einziges gemeinsames Ziel war der militärische Sturz Hitlers. Den von den Kommunisten vehement verteidigten Hitler-Stalin-Pakt lehnten sie entschieden ab. Als der Krieg begann, verlangten viele sofort, in die britischen Streitkräfte aufgenommen zu werden. Besonders die Insassen eines Flüchtlingslagers in Richborough (Kent), wo an die 3 500 jüdische Flüchtlinge in fast unheizbaren Baracken untergebracht waren, wurden aktiv. Doch die Briten misstrauten ihnen. Ihr eigener Patriotismus und ihre Unfähigkeit, sich in die Lage der Deutschen zu versetzen, führte dazu, dass sie in den Flüchtlingen eben nur Deutsche sahen. Das hatte zur Folge, dass man alle diese Deutschen, einschließlich der bekannten NS-Gegner, als verdächtige Feindausländer behandelte. Deutsche, die sich zur britischen Armee meldeten, wurden am Anfang nur in unbewaffnete Einheiten des Auxiliary Military Pioneer Corps, eine Art Arbeitsdienst, aufgenommen. Die ersten sechs Kompanien von je 300 Mann wurden Anfang 1940 aufgestellt. Von diesen kamen fünf nach Frankreich und waren dort im Mai 1940, als die Wehrmacht Frankreich überrannte. Zwei der Kompanien waren in Le Havre, als die alliierte Nordflanke zusammenbrach.

Alle fünf Kompanien wurden um den 16. Juni 1940 über St. Malo oder Brest praktisch intakt nach England zurückgebracht. In den folgenden Monaten versahen die Pioneers Hilfsdienste in den von der deutschen Luftwaffe angegriffenen Städten, wobei sie schmerzhafte Verluste erlitten. Sie wurden auch zum Bau von Verteidigungsanlagen eingesetzt. Durch ihre Bereitschaft zur Pflichterfüllung selbst unter den misslichsten Umständen und ihre allgemein hervorragende Führung erwarben sich die Pioneers bis 1942 so viel Vertrauen, dass man sie auch bewaffnete. Etwas später wurde ihnen auch der Beitritt zu fast allen Teilen der britischen Streitkräfte gestattet. Von da an konnten sie auch Offiziere werden. Zu jener Zeit wurde ihnen nahegelegt, an Stelle ihrer deutschen Namen englische Tarnnamen anzunehmen, so dass sie im Falle einer Gefangennahme nicht auffielen. Die meisten der jungen Pioneers wurden zu anderen Waffengattungen versetzt, wodurch sie als einzelne in fast alle Regimenter der Armee, in die Marine und in die Royal Air Force kamen. Unter denen, die zu den Fallschirmjägern kamen, waren sie unter den ersten, die am Abend vor der Invasion in der Normandie hinter den deutschen Küstenbefestigungen absprangen. Andere Aktionen, bei denen Deutsche auf britischer Seite in größerer Zahl an verlustreichen Kämpfen teilnahmen, waren Arnheim, Monte Cassino, der Übergang über den Rhein bei Wesel, die Gefechte auf Walcheren sowie die Winterschlacht in den Ardennen.

Ihre Deutsch- und Ortskenntnisse machten diese 10 000 deutschen Freiwilligen, deren Geschichte in den beiden vorliegenden Bänden auf unterschiedliche Weise erzählt wird, zu einer unverzichtbaren Stütze für die Kriegsanstrengungen der Alliierten. Auch nach dem Krieg wurden diese Deutschen gebraucht, um untergetauchte Kriegsverbrecher zu jagen, um eine demokratische Verwaltung, eine unabhängige Justiz sowie eine pluralistische Presse aufzubauen – freilich weitere Gründe für viele Besiegte, die „Überläufer“ zu schneiden. Nach der Ächtung durch die Nazis und der anfänglich lauwarmen Aufnahme in England waren sie jetzt zum dritten Mal Fremde im eigenen Land. In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden fast alle britische Staatsbürger. Nur ganz wenige ließen sich als Reemigranten in Westdeutschland nieder. Diejenigen, die wie Helmut Eschwege oder Walter Roberts in die SBZ/DDR gingen, wurden dort von der SED als „Westemigranten“ ausgegrenzt und erbarmungslos verfolgt.

Über sich selbst und seine ehemaligen Kameraden in britischer Uniform während des Zweiten Weltkriegs resümiert Ernest Goodman (Ernst Guttmann), damals Soldat bei einer Elite-Einheit, den Coldstream Guards, in einem Interview mit Helen Fry: „Wir taten nur, was wir glaubten tun zu müssen. Wir versuchten, die menschliche Rasse zu retten und der Geschichte eine neue Chance zu geben“ ( S. 224).

Der 1923 in Wien geborene Leighton-Langer, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde, flüchtete 1938 nach Großbritannien und brachte es in seiner Militärlaufbahn bis 1945 schließlich zum Offizier der britischen Artillerie. Als Veteran des Zweiten Weltkriegs hat er bis zu seinem Tod 2007 in mühseliger, Jahrzehnte langer Kleinarbeit die faszinierende und erschütternde Geschichte jener deutschen und österreichischen Männer und Frauen erarbeitet, die als Freiwillige in den britischen Streitkräften gegen den Nationalsozialismus gekämpft haben. Für seine bahnbrechende, faktenreiche, überaus verdienstvolle Überblicksdarstellung hat er neben der Auswertung der spärlichen Literatur viele Gespräche und Briefwechsel mit früheren Kameraden geführt. Die junge englische Historikerin Helen Fry hingegen hat nach der Methode der Oral History eine Reihe von ausführlichen exemplarischen Interviews mit einigen der noch lebenden ehemaligen Flüchtlinge und Kriegsteilnehmer erarbeitet. Ergänzt durch bisher unveröffentlichte Materialien aus dem Imperial War Museum, dem Jewish Military Museum und der Wiener Library of Holocaust and Contemporary History in London hat sie es verstanden, diese Lebensschicksale in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext zu erfassen. So lernt der Leser eine Reihe von äußerst spannenden Männern und Frauen näher kennen, die einen großen Beitrag zum Erhalt der Freiheit Europas geleistet haben. Beiden Büchern wünsche ich viele aufmerksame Leser im vereinigten Deutschland.

Peter Leighton-Langer:

The King's Own Loyal Enemy Aliens
German and Austrian Refugees in Britain’s Armed Forces, 1939-1945
London 2006 (Vallentine Mitchell), 401 S., 25 Pfund

Helen Fry:

The King’s Most Loyal Enemy Aliens
Germans who fought for Britain in the Second World War
London 2007 (Sutton Publishing), 240 S., 18,99 Pfund


Der Autor:
Dr. Martin Rooney, geb. 1948 in Manchester. Studium Germanistik, Philosophie und Soziologie an den UniversitätenBirmingham, Mainz, FU Berlin und Bremen. B.A. (Hons.) und Dr. phil. Ab 1978 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der North
East London Polytechnic sowie an der Universität Bremen. Lehrbeauftragter an der Hochschule Bremen. 1. Vorsitzender der Armin T. Wegner-Gesellschaft 1986 - 1999. Seit 1990 freier Autor, Übersetzer und Erwachsenenbildner in Bremen.

Erschienen in FuR 2010 / 2