Sonntag, 30. April

72. Gedenkfeier in Dachau

Der BWV-Bayern nimmt, wie jedes Jahr, an der Kranzniederlegung teil.



Ab 2017 erscheint FuR nicht mehr als Printausgabe, sondern 
in elektronischer Form. 

Bitte teilen Sie einem der hier angegebenen Kontakte Ihre E-Mail-Adresse mit. 


in FuR 2016 u. a.:

Hans-Jürgen Grasemann
Die Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter

Armin Pfahl Traughber
Hat der islamistische Terrorismus etwas mit dem Islam zu tun?

Gerald Wiemers
Das lange Ringen um Anerkennung (22. Halle-Forum)

Bernd Lippmann
Mit Geheimdienstakten zum Abitur

Ein unbeirrbarer Zeuge Drucken E-Mail

Wolfgang Leonhard wird 90

Von Martin Rooney

 

Wolfgang (eigentlich Wolodja) Leonhard, der wohl bedeutendste in Deutschland wohnhafte Kommunismusforscher, wurde am 16. April 1921 in Wien geboren. Aufgrund seines Geburtsortes ist er österreichischer Staatsbürger. Seine Mutter war die Publizistin Susanne Leonhard (1895-1984), eine enge Freundin von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Ihr erster Ehemann, der Dramatiker Rudolf Leonhard, erkannte offiziell die Vaterschaft an. Als Wolfgang Leonhard zur Welt kam, lebte das Ehepaar Leonhard jedoch getrennt. Susanne Leonhard, eine glühende Kommunistin, war zu diesem Zeitpunkt mit Mieczyslaw Bronski, dem sowjetischen Botschafter in Wien und engen Vertrauten Lenins, liiert. Seit 1925 KPD-Mitglied, arbeitete sie als freie Publizistin und zeitweise als Pressesprecherin der sowjetischen Handelsvertretung in Berlin. Wolfgang Leonhard beschreibt in einem Hörfunkinterview aus dem Jahr 2009 seine Mutter als „eine kämpferische Natur, die eindeutig politische Zielsetzungen wichtiger nahm als die eigene Familie, eine Frau, die eigentlich keinen Familiensinn hatte“. Das ging so weit, fügte Wolfgang hinzu, dass er von seiner Mutter kaum Zärtlichkeit erfuhr. Mit monomanischer Besessenheit widmete sich Susanne Leonhard der Sache des Proletariats und der Weltrevolution. Der kleine Wolfgang störte sie offensichtlich dabei, wurde daher oft zu anderen Leuten gegeben oder ins Landschulheim geschickt.

1931 zog Susanne Leonhard mit ihrem Sohn in die linke Künstlerkolonie Berlin am Laubenheimer Platz in Wilmersdorf. Viele prominente kommunistische Kulturschaffende wohnten dort: Johannes R. Becher, Ernst Bloch, der „Barrikaden-Tauber“ Ernst Busch und der Agitprop-Dichter Erich Weinert, Publizisten wie Axel Eggebrecht, Alfred Kantorowicz, Gustav Regler, Arthur Koestler und Manès Sperber. Seine Mutter schickte ihn auf die Neuköllner „Karl-Marx-Schule“ und zu den „Jungen Pionieren“, der Kinderorganisation der KPD. So geriet er früh in den Bannkreis des Marxismus und des Leninismus. Da hieß es dann: „Du bist ein großer Junge.“ Das bedeutete, dass er von nun an wie ein Erwachsener behandelt wurde. Direktiven, die man für den illegalen Kampf gegen die Nazis brauchte, erhielt er schon als Elfjähriger. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er im Herbst 1933 nach Viggbyholm bei Stockholm in ein Internat in Sicherheit gebracht. Bis Frühsommer 1935 blieb seine Mutter im nationalsozialistischen Deutschland und leistete illegale Widerstandsarbeit. Im Frühjahr 1935 besuchte Susanne Leonhard ihren Sohn in Schweden und kehrte nach zwei eindringlichen Warnungen nicht mehr nach Deutschland zurück. Da in Schweden keine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen war, emigrierte sie mit ihrem Sohn, der damals die sowjetische Staatsbürgerschaft besaß, über Leningrad nach Moskau. Dort machten Mutter und Sohn fast alle Erfahrungen durch, die der Hochstalinismus für kommunistische Emigranten bereithielt. Susanne Leonhard wurde im Herbst 1936 anlässlich der stalinistischen Säuberungen verhaftet und für zwölf Jahre in ein Gulag bei Workuta deportiert. Der junge Wolfgang verbrachte diese Zeit im „Kinderheim Nr. 6“ und besuchte die deutschsprachige „Karl-Liebknecht-Schule“ in Moskau. Anschließend wechselt er auf eine russische Schule in Moskau. Mit 19 Jahren begann Wolfgang Leonhard ein Studium an der „Moskauer Pädagogischen Hochschule für Fremdsprachen“. Nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion wurde er als Deutscher in den Norden Kasachstans zwangsumgesiedelt, wo er bis Sommer 1942 ein Lehrerinstitut in Karaganda besuchte.

Anschließend wurde Leonhard an die Schule der Komintern in Kuschnarenko (Baschkirische ASSR) versetzt und erhielt dort, unter dem Tarnnamen „Wolfgang Linden“, eine Ausbildung zum kommunistischen Politkommissar. Dort begegnete er alten Freunden aus der Karl-Liebknecht-Schule wieder, die sich alle zur strikten Einhaltung der Regeln der Konspiration verpflichtet hatten, z.B. Jan Vogeler („Danilow“), Stefan Doernberg („Adler“), und Markus Wolf („Förster“). Nachdem Stalin am 10. Juni 1943 die Kommunistische Internationale aufgelöst hatte, wurde die Schule geschlossen. Dann arbeitete Leonhard als Sprecher am Sender „Freies Deutschland“ des Nationalkomitees Freies Deutschland in Moskau.

Ende April 1945 gehörte er zu den zehn kommunistischen Funktionären, die unter Führung Walter Ulbrichts von Stalin nach Berlin geschickt wurden, um die kommunistische Partei aufzubauen, den antifaschistischen Staat, das neue Deutschland : zehn Revolutionäre, Wolfgang war der jüngste mit 24 Jahren, die anderen waren zwischen 42 und 50 Jahre alt, die ein halbes Land neu erfinden durften. Leonhard ist übrigens heute der letzte Überlebende dieser Gruppe. Nach der Stille im Flugzeug („unter Stalin hat man nicht viel geredet“, erinnert sich Leonhard, der von nun an - auf Weisung Ulbrichts - einen deutschen statt eines russischen Vornamens trug) dann die Ankunft in Bruchmühle bei Berlin. In Bruchmühle wurde ein imposantes, dreistöckiges Gebäude mit großen Fenstern bezogen und zum Sitz der Gruppe Ulbricht umfunktioniert. Es folgten tägliche Fahrten im Auto nach Berlin. Überall gab es Feuer, Rauch, Bombentrichter, Ruinen stürzten ein. Leonhard sollte die Bezirksverwaltung Wilmersdorf aufbauen, er suchte mögliche Verbündete, Bürgerliche, sprach einen Mann mit Krawatte an. Zu dieser Zeit fiel Ulbrichts berühmter Satz: „ Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ Leonhard war Zeuge der von den Kommunisten propagandistisch geschickt inszenierten „Zwangs- und Betrugsvereinigung“ (Hermann Weber) von SPD und KPD zur SED am 21. und 22. April 1946 im Berliner Admiralspalast. Leonhard saß in der zweiten Reihe rechts. In seinem Kopf nisteten erste Zweifel an der Linie seiner neuen Partei. Bis September 1947 war er Mitarbeiter der Abteilung Agitation und Propaganda und setzte anschließend zwei Jahre lang als Dozent an der SED-Parteihochschule Karl Marx in Kleinmachnow seine Karriere fort. Er verstand es, wie kaum ein anderer, ideologische Fragen verständlich in Broschürenform aufzubereiten und mit Witz und Elan die Nachwuchskader zu unterrichten. Im Mai 1949, als sich Tito dem Vormachtsanspruch Moskaus widersetzte und mit Stalin brach, floh er auf der Suche nach einem besseren Sozialismus nach Jugoslawien und kam 1950 in die Bundesrepublik. Ein Jahr später war Leonhard führend an der Gründung der Unabhängigen Partei Deutschlands (UAPD) beteiligt und brachte dabei die wohlwollende Unterstützung der jugoslawischen Genossen mit ein. Die UAPD war eine Gründung von ehemaligen KP-Mitgliedern, von Trotzkisten und „heimatlosen Linken“, die unter der Losung „Nicht Ost, nicht West, unabhängig und sozialistisch“ einen „dritten Weg“ propagierte; sie fiel schon 1952 auseinander. Danach veröffentlichte der Westberliner DGB eine Auseinandersetzung mit Geschichte und Gesellschaft der Sowjetunion aus der Feder Leonhards. In „Schein und Sein in der Sowjetunion“(1952) analysierte er die Sowjetunion als Staatskapitalismus sowie die verhängnisvolle Rolle Stalins, unter dessen Herrschaft „die Abkehr vom Roten Oktober“ begonnen habe.

1955 veröffentlichte Leonhard sehr berühmtes Buch „Die Revolution entlässt ihre Kinder“. Es ist sein Lebensbericht, der nach eigenen Worten zum ersten Mal Einblick in die Bildung und Erziehung der Parteielite in der Sowjetunion und in die sowjetische Nachkriegspolitik in Deutschland gibt. Im Vorwort zu seinem Buch schreibt er:

„Dieses Buch berichtet von meinen Erlebnissen während meines zehnjährigen Aufenthaltes in der Sowjetunion (1935-1945) und meiner vierjährigen Tätigkeit als Funktionär im zentralen Apparat der SED-Führung (1945-1949), von sowjetischen Schulen und Universitäten, von Studenten und Komsomolzen, von den Tagen des Kriegsausbruchs in Moskau und vom Leben in der Kriegszeit in Karaganda, von der Ausbildung ausländischer Funktionäre auf der Kominternschule und vom Nationalkomitee Freies Deutschland, von der Gruppe Ulbricht im Mai 1945, von den ersten Schritten der sowjetischen Politik im Nachkriegsdeutschland, vom Aufbau des sowjetzonalen Staatssystems und von der Partei, die heute als die Staatspartei in der Sowjetzone die Geschicke von achtzehn Millionen Menschen bestimmt.“

Im Staat Sowjetunion und den in ihrem Machtbereich nach 1945 entstehenden Satellitenstaaten war der strikt abgeschottete Bereich der Politik der kritischen Öffentlichkeit des eigenen Landes wie des Auslandes entzogen. Entsprechend groß war daher das Interesse an fundierten Informationen über diese Länder. Besonders krass musste diese Informationslücke über die nun kommunistisch kontrollierte SBZ/DDR im westlichen Teil Deutschlands empfunden werden, war doch hier plötzlich ein Teil des Landes hermetisch abgeriegelt, und war doch die politische Konfrontation hier besonders hart. Systematische und zusammenhängende Darstellungen konnten dabei nur die Überläufer liefern, weil nur sie über ausreichende Kenntnisse von den Ereignissen im inneren, nichtöffentlichen Machtbereich verfügten. Frühe Beispiele solcher Darstellungen sind das Buch von Fritz Löwenthal „Der neue Geist von Potsdam“(1948) mit seiner Schilderung des Justizwesens in der DDR und Fakten, die er nur aufgrund seiner Position als Leiter der Justizaufsicht hatte sammeln können. Einblick in die Arbeit des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ unter den kriegsgefangenen deutschen Soldaten und Offizieren in der Sowjetunion vermittelte Heinrich Graf von Einsiedels „Tagebuch der Versuchung“(1950).

Aus dem „Innersten der Macht“ des Sowjetsystems berichtete aber erst Wolfgang Leonhards 1955 erschienenes Buch „Die Revolution entlässt ihre Kinder“, das in der Forschungsliteratur zum Thema Bruch mit dem Kommunismus als „das wichtigste und am weitesten verbreitete Buch dieser Art“ (Hermann Kuhn) bezeichnet wird. In der politischen und wissenschaftlichen Diskussion in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre waren es vor allem die Enthüllungen über die Kominternschule, die Arbeit des Nationalkomitees in Moskau, über den Einsatz der „Gruppe Ulbricht“ im Nachkriegs-Berlin, über die zielstrebige, manipulative Taktik der kommunistischen Nomenklaturkader bei der Ausschaltung der Sozialdemokratie, die Leonhards Buch zu einer unentbehrlichen Quelle für die Geschichtsschreibung über die frühen Jahre der DDR macht. Mit einer Gesamtauflage von über eine Million Exemplaren ist es auch bis heute ein Standardwerk geblieben.

Leonhard beschränkt sich in seinem Buch nicht auf die eigenen Erinnerungen an seine Zeit auf der deutschen Schule in Moskau, auf der Parteischule und im Apparat der kommunistischen Partei. Er vervollständigt und ergänzt seine persönliche Erinnerung vielmehr mit Dokumenten, Angaben, die er aus anderen Quellen gewonnen hat. Solche über die eigene unmittelbare Erinnerung hinausgehenden und nachgearbeiteten Teile sind etwa die Artikel der „Prawda“ während der Säuberungen, die Rede Molotows beim Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion, die offiziellen Begründungen über die Komintern-Auflösung, Auszüge aus dem Artikel Anton Ackermanns

über den besonderen deutschen Weg zum Sozialismus und anderes. Leonhard ergänzt diese Details durch Berichte über die subjektiven Reaktionen auf politische Ereignisse. Sie dienten dem besseren Verständnis der objektiven Entwicklung, aber auch der Entlarvung von KP-Mitgliedern, wie nach dem Hitler-Stalin-Pakt. Eine Grenze findet solches unmittelbar personenbezogenes Berichten für Leonhard immer dort, wo noch im Machtbereich der Sowjetunion lebende Menschen gefährdet werden könnten. So kann er über oppositionelle Tendenzen im sowjetischen Komsomol nicht detailliert berichten.

Das „Nacharbeiten“ und Überprüfen der eigenen Erinnerung zumindest im Faktischen ist zweifellos ein üblicher Arbeitsgang beim Verfassen einer autobiographischen Schrift, erst recht dort, wo es um einen exponiert politischen Lebenslauf geht: zur Überprüfung der eigenen Erinnerung wie auch zur nachholenden Selbstverständigung über die gesellschaftlichen Hintergründe und Zusammenhänge, die man im unmittelbaren Erleben nicht vollständig wahrnehmen konnte. Dass solche Dokumente bei Leonhard nicht nur in die Erinnerungen indirekt eingehen, sondern auch im Original mitgeteilt werden, soll den Charakter des Berichtes als historisches Quellenbuch beglaubigen.

Leonhards Buch ist in seiner Struktur einerseits durch seine außergewöhnliche und hervorgehobene Stellung im kommunistischen Machtapparat bestimmt, die ihn zu sonst nicht möglichen Berichten ermächtigt. Aber sofern sie auch eine Lebensgeschichte ist, deren vorläufiges Ende – der Bruch mit der kommunistischen Partei – gerade Voraussetzung für dieses Erzählen ist, ist eine andere innere Struktur für das Buch maßgeblich, die letztlich die Ebene der Enthüllungen nur mittransportiert: die Darstellung des Bruchs mit dem Stalinismus. Leonhard schreibt: „Diese Entscheidung ist das Ergebnis eines jahrelangen, qualvollen Prozesses des Zweifelns und der Rechtfertigung, der Gewissensqualen und der konstruierten Theorien zu ihrer Beruhigung“. Hierin aber, in diesem Prozess, ist sein Leben gerade nicht herausragend und einmalig, sondern eher repräsentativ, ein Schlüssel zum Verständnis des Fühlens und Denkens „der neuen Generation der geschulten Parteifunktionäre des Ostblocks“. Man müsse es kennen, wenn man auf diese Generation, die jetzt in die Machtposition einrücke, einwirken wolle. Dieser „operative“ Gesichtspunkt ist bei Leonhard sehr stark.

Begeisterung, Engagement, dann auch negative Erfahrungen; Kritik, aber Unterordnung der Kritik unter die positive Gesamthaltung gegenüber der Sowjetunion und der kommunistischen Partei: das ist das Grundmuster, in dem Leonhard in immer neuen Wellenbewegungen auf den Bruch mit der Partei hin erzählt.

Ähnlich wirken die Rückschauen, in denen sichtbar wird, dass die Kritikpunkte früherer Jahre zwar theoretisch irgendwie bewältigt, doch keineswegs völlig erledigt waren. Das zentrale Kapitel „Mein Bruch mit dem Stalinismus“ beginnt mit einer solchen Rückschau, auf der aufbauend dann die unmittelbare Entwicklung, die zum Bruch mit der SED führt, geschildert wird. Leonards Bericht ist auf den Endpunkt, den Bruch, hin strukturiert, aber dies zunächst mehr untergründig. Der konkrete Anlass für den Bruch mit der Partei ist die Behandlung der jugoslawischen Frage durch die SED-Führung. Bruch mit der Partei aber bedeutet auch, die Frage der Flucht stellen zu müssen. Denn aus der kommunistischen Partei kann man nicht einfach austreten. Leonards Buch endet mit der Schilderung dieser Flucht nach Jugoslawien. Im Schlussbild noch einmal die Quintessenz des Lebensabschnittes zusammengefasst, wie ihn Leonard als Gegenstand seines Berichtes gestaltet hat: der Stalinismus hat sich nach zunächst widersprüchlichen Erfahrungen als Irrweg gezeigt, der verhängnisvolle Folgen zeitigt. Aber wenn man ihn verlässt, so Leonhards Überzeugung damals, dann bleiben Marx, Engels, Lenin, es bleibt der jugoslawische Versuch mit der Arbeiterselbstverwaltung. Die Revolution entlässt ihre Kinder heißt das Fazit, sie frisst sie nicht mehr.

Wolfgang Leonhard hat seinen autobiographischen Bericht im Alter von 34 Jahren veröffentlicht. Er umfasst die in hohem Maße politisierte Lebensphase als Parteikader, dessen Leben sich innerhalb der Partei abgespielt und sich auch freiwillig so definiert hat. Über persönliche, private Dinge wird kaum etwas mitgeteilt. Politische Entscheidungen, politische Diskussionen bilden die Punkte der Entwicklung, an denen sie sich verwirrt, verknotet durch irritierende, störende Erfahrungen; oder aber sich löst und beschleunigt – durch neue Hoffnungen, Hoffnungswünsche und schließlich den Bruch mit der SED. Dieses Übergewicht des Politischen ist nicht allein durch die Gattung und den Zweck des Buches bestimmt. Die politische Entwicklung ist für Leonhard in hohem Maße unmittelbar von damaligen politischen Vorgängen und Entscheidungen abhängig gewesen.

Wolfgang Leonhard selbst sagte in einem Rückblick aus dem Jahr 1981 auf die Entstehungsgeschichte des Buches, dass er schon in seinem autobiographischen Bericht den Beginn seiner späteren wissenschaftlichen Kommunismusforschung sehe, dass er hier wie später angeschrieben habe sowohl gegen Hassgefühle von blindem Antikommunismus wie gegen Schönfärberei. Er habe, fügte er abschließend hinzu, nie die Hoffnung auf eine Transformation der bürokratischen Diktatur zu einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz aufgegeben. Es waren wohl stets seine Fairness und sein von Eifer freier Grundton, die Leonhard von nun an seine besondere Glaubwürdigkeit als Schriftsteller und Publizist verliehen.

Von 1956 bis 1958 absolvierte Leonhard Post Graduate Studies unter dem renommierten Ostexperten R.N. Carew-Hunt am St. Anthony’s College an der Universität Oxford. In England lernte er, seinen bisherigen Glauben an die Klassiker des Marxismus in Frage zu stellen, und er orientierte sich anschließend neu. 1963 bis 1964 arbeitete er als Senior Research Fellow am Institut für Russlandforschung der Columbia Universität in New York. In den Jahren 1966 bis 1987 lehrte er jeweils im Sommersemester an der Historischen Fakultät der Yale University mit den Schwerpunkten „Geschichte der UdSSR“ und „Geschichte der kommunistischen Weltbewegung“. Aufgrund dieser äußerst günstigen Arbeitsbedingungen an der amerikanischen Elite-Universität konnte er also immer für ein halbes Jahr seiner Forschungsarbeit nachgehen und in der Bundesrepublik seine Bücher schreiben. Immer ging es Leonhard um das, was seit den Kindheitstagen sein Leben bestimmt hatte, um den Kommunismus und die Sowjetunion. Kontinuitäten und Diskontinuitäten, Krisen und Wandlungen in der Sowjetunion beobachtete und beschrieb er unablässig, nicht nur mit tiefer Sachkenntnis, sondern auch mit Phantasie und Temperament. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen aus jener Zeit zählen „Kreml ohne Stalin“ (1963), „Nikita Sergejewitsch Chruschtschow. Aufstieg und Fall eines Sowjetführers“ (1965), „Die Dreispaltung des Marxismus. Ursprung und Entwicklung des Sowjetmarxismus, Maoismus und Reformkommunismus“ (1975), „Am Vorabend einer neuen Revolution. Die Zukunft des Sowjetkommunismus“(1975) sowie „Eurokommunismus. Herausforderung für Ost und West“ (1980). 1987 durfte er als offizielles Mitglied der Delegation des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum ersten Mal seit 42 Jahren die Sowjetunion besuchen.

Sein Interesse am zweiten deutschen Staat indes erlosch nie. Fasziniert beobachtete und kommentierte Wolfgang Leonhard dessen Entwicklung, warb für die Unterstützung der Menschen „drüben“ und warnte immer wieder davor, das diktatorische Regime von Ulbricht bis Honecker allzu sehr aufzuwerten. Das trug ihm nicht selten den Ruf eines Entspannungsgegners ein. Den Konservativen war er als Exkommunist nicht ganz geheuer, die orthodoxen Linken, etwa der Marburger Schule, störte seine Detailkenntnis bei ihrer unreflektierten kremlphilitischen Option. Doch seit den Ereignissen des Herbstes 1989 hat die historische Entwicklung seine Position eindrucksvoll bestätigt.

1990 erschienen unter dem Titel „Das kurze Leben der DDR“ Leonhards Berichte, Kommentare und Porträts aus vier Jahrzehnten über den ostdeutschen Staat. Sie beruhen auf vielen persönlichen Erinnerungen. Er beherrscht die Quellen und arbeitet sie zielsicher in seine Analysen ein. Der Antifaschismus in der DDR, erläutert Leonhard, war von oben verordnet und blind gegenüber massiven Unterdrückungstendenzen und Rechtsbrüchen im eigenen politischen Lager, da er keine positive Begründung in Liberalität, Freiheits- und Menschenrechten hatte. Weitgehend vergessen und verdrängt wurde dadurch die Existenz eines manifesten Antisemitismus. So waren die Opfer der von Stalin befohlenen Schauprozesse vor allem Juden, und auch die Diskriminierung und Ausbootung der sogenannten „Westemigranten“ Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre in der DDR, war antisemitisch gefärbt. Die Durchführung des Schauprozesses gegen den jüdischen Kommunisten Heinz Brandt - wie so viele andere - verhinderte keineswegs die SED-Führung unter Walter Ulbricht, sondern der Tod Stalins am 5.März 1953 mit den darauffolgenden Veränderungen in der UdSSR in Richtung auf eine zaghafte Entstalinisierung, die ab 1957 zum Stillstand kam. Die langfristigen historischen Ursachen des Zusammenbruchs der SED-Diktatur sieht Leonhard vor allem in der Zerschlagung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, der unabhängigen Gewerkschaften und der freigewählten Betriebsräte. Ulbrichts Direktive von Mai 1945, die Leonhard überliefert, lautete unmissverständlich: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ Entsprechend rigoros verfuhr dann auch die kommunistische Nomenklatura gegen die Sozialdemokraten. Die alten bürgerlichen Eliten wurden in die Bundesrepublik vertrieben und durch eine in Abhängigkeit von der SED neu entstehende Oberschicht ersetzt. Mit der Verteufelung der These Anton Ackermanns vom „besonderen deutschen Weg zum Sozialismus“ und der Verkündigung der neuen Parteidoktrin, dass es nur den sowjetischen Weg zum Sozialismus gebe, wurden die Weichen für die Stalinisierung der SBZ gestellt. Entsprechend desolat waren dann auch die Ergebnisse dieses „Kasernen-Sozialismus“. Anschaulich beschreibt Leonhard, wie eine aufgeblähte und unfähige Staats- und Wirtschaftsbürokratie die DDR überanstrengte. In den siebziger Jahren begann die wirtschaftliche Talfahrt.

Seit Ende der 80er Jahre besucht Leonhard regelmäßig die Sowjetunion, dann Russland und einige andere GUS-Staaten. Seit 1993 war er siebenmal als OSZE-Wahlbeobachter bei den Wahlen in Russland, Weißrussland und zuletzt in der Ukraine. Als Ertrag dieser Reisen sind zwei Bücher entstanden, welche die Entwicklungen im vorangegangenen Jahrzehnt nuanciert schildern. In „Die Reform entlässt ihre Väter“ (1994) analysiert er den gewaltigen Transformationsprozess, der 1985 mit der Ernennung Gorbatschows begann und über den August-Putsch 1991 zum Zusammenbruch der Sowjetunion und nach den blutigen Oktoberkämpfen 1993 in Moskau zum unerwarteten Wahlerfolg des Rechtsextremisten Shirinowski führte, der wiederum eine Kursänderung der russischen Politik auslöste. Im Gegensatz zu den fast täglich veröffentlichten Hiobsmeldungen in den westlichen Medien über Russland skizziert Leonhard realistische Zukunftsperspektiven für das Land und unterbreitet Vorschläge, wie der Westen den labilen Reformprozess wirksam unterstützen kann. Wie weit ist Russland auf dem Weg zur Marktwirtschaft? Dieser Frage geht Leonhard in „Spiel mit dem Feuer“ (1996) nach. Die Entwicklung zeigt, so Leonhard, dass westliche Modelle nicht einfach übertragbar sind: Privatisierung, Produktionsrückgang, Rüstungskomplex, Mafia, Altkommunisten und Umweltprobleme haben eine schwer zu durchschauende Dynamik entwickelt. Präzis und übersichtlich beleuchtet der Autor die verschiedenen Wechselwirkungen und Folgen dieser komplexen Prozesse.

In seiner neuesten Buchveröffentlichung „Anmerkungen zu Stalin“ (2009) äußert sich Leonhard mit großer Bestürzung über den neuerlichen Stalin-Kult in Russland. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Stalins Tod ist, so Leonhard, in Russland deutlich zu spüren, dass eine historische Figur ein makabres Comeback feiert. Die Russen haben den blutrünstigen Diktator zur bedeutendsten Persönlichkeit ihrer Geschichte gewählt, eine gründliche Aufarbeitung seiner Gewaltherrschaft findet nicht statt. Vielmehr fördert Wladimir Putin die Renaissance Stalins. In einem 2007 von Putin herausgegebenen Leitfaden für den Geschichtsunterricht heißt es: „Stalin verlangte das Unmögliche von den Menschen, um das Maximum zu erreichen.“ Ähnlich den „Anmerkungen zu Hitler“ von Sebastian Haffner, konzentriert sich Leonhard auf das Wesentliche zu Person und Politik Stalins. Er fragt nach den Ursachen von Stalins Aufstieg, analysiert seine Politik und Ideologie. Er sieht in Stalin nicht nur den reinen Machtpolitiker, sondern er untersucht auch die Ideologie des Stalinismus. Insbesondere habe Stalin ein Gespür für die Stimmung der „Masse“ gehabt. Sein Sieg über Trotzki verdanke er im wesentlichen der Tatsache, dass er dem Ruhebedürfnis des Volkes durch „realistische Ziele“ - etwa „die Revolution in einem Lande“ gegenüber der „Permanenten Revolution“ Trotzkis - scheinbar entgegenkam. Dass seine Herrschaft dem jungen Sowjetstaat keine Ruhe brachte, sondern totalen Terror, zeigte sich nach 1924 beim Aufstieg des georgischen Schustersohnes zum kommunistischen Diktator. Wie raffiniert Stalin bei seiner Machtübernahme vorging, zeigt Leonhard bei seiner Analyse der Rede Stalins anlässlich der Beisetzung Lenins. Leonhard: „Genau in dem Moment, als die Parteispitze ein Bild der Auflösung bot, stiftete er inneren Zusammenhalt und gab den verunsicherten Genossen neuen Mut.“

Die Kapitel über den Aufstieg Stalins und die „Ideologie“ des Stalinismus sind die interessantesten im Buch. Leonhard konstatiert frappierende Widersprüche zu grundlegenden marxistischen Theorien. Stalin blähte, zum Beispiel, die Bürokratie auf, wo doch Marx und Engels „das Absterben des Staates“ gefordert hatten. Die Edition ihrer Gesamtwerke stellte er ein. Stalin ließ kollektivieren, liquidieren und terrorisieren. Und er verbündete sich mit Hitler: „Ich weiß, wie sehr das deutsche Volk seinen Führer liebt.“ Interessant auch, warum Stalin nicht auf Widerstand in der leidgeprüften Bevölkerung stieß, als sein Terrorregime immer offensichtlicher wurde. So rechtfertigte er den Terror mit dem angeblich „verschärften Klassenkampf“ in der Periode des sozialistischen Aufbaus und gaukelte der Bevölkerung 1945 vor, nach dem Krieg werde sich das Regime liberalisieren - das Gegenteil war der Fall. Nur der Tod Stalins verhinderte eine neue Säuberungswelle, die im Januar 1953 offiziell eingeleitet wurde. Der neuerliche Stalin-Kult lässt einen erschaudern. Bleibt zu hoffen, dass Leonhards eindrucksvolle Beschreibung Stalins intensiv gelesen wird - in Deutschland wie in Russland.

Fazit: Der einstige Komintern-Schüler Wolfgang Leonhard ist seit mehr als 60 Jahren Zeitzeuge und Historiker zugleich - und genau deswegen sind Leonhards Werke so ausgesprochen lesenswert. Sein Leben steht für die Kontinuitäten wie für die Brüche des 20. Jahrhunderts. Anlässlich seines 90. Geburtstags haben wir eine ebenso unverwechselbare wie imponierende Lebensleistung zu ehren. Deswegen schicken wir einen herzlichen Geburtstagsgruß in die Eifel nach Manderscheid.


Der Autor

Dr. Martin Rooney, geb. 1948 in Manchester. Studium Germanistik, Philosophie und Soziologie an den Universitäten Birmingham, Mainz, FU Berlin und Bremen. Lehrbeauftragter an der Hochschule Bremen, seit 1990 freier Autor und Erwachsenenbildner in Bremen.