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Inflation des Totalitarismus-Begriffs? Drucken E-Mail

Von Evelyn Bokler-Völkel

Totalitär – kaum ein Fachbegriff trat in den letzten Jahren einen vergleichbaren Siegeszug im deutschen Sprachgebrauch an. Zunehmend ist er in aller Munde: Totalitäre Staaten werden entdeckt, totalitäre Gesellschaften erkannt, totalitäre Führer ausgemacht. Die alte Tyrannis, die Diktatur – diese Bezeichnungen scheinen nicht mehr aussagekräftig genug zu sein. Die Assoziationen, die Vergleiche mit dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus als erste totalitäre Herrschaftsformen  nehmen zu. Inflationär werden sie bemüht, um die politische Herrschaft eines Hussein oder eines Mugabe begrifflich und auch systemisch zu fassen. Geradezu grotesk mutet es an, wenn sich Mobilfunkgegner, sogenannte Elektrosensible, zu Systemopfern stilisieren und mit dem Schicksal der Juden im Dritten Reich gleichsetzen (1): die Bundesrepublik Deutschland als Staat mit totalitären Zügen?

Ist das im Sinne des Totalitarismusbegriffs? Auf keinen Fall. Im Gegenteil: Seine permanente Bemühung ist sogar gefährlich, denn sie verwischt die Grenzen. Sie relativiert die singulären Verbrechen Stalins und Hitlers, das Grauen, das Pol Pot und Mao über die Menschen im Namen ihrer Ideologien gebracht haben. Sie droht die wesentlichen qualitativen Unterschiede zwischen dem ideologischen Fanatismus Hitlers, der alleine sechs Millionen Juden das Leben kostete, und der tyrannischen Boshaftigkeit anderer Herrscher zu nivellieren.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzten sich die Wissenschaftler zunehmend mit dem Phänomen der neuen totalitären Ideologien des Nationalsozialismus und des Kommunismus auseinander. Die alten Begriffe wie Diktatur und Tyrannis wurden bemüht, um Stalins und Hitlers Herrschaft zu beschreiben, doch waren sie nicht in der Lage, das Originäre, den Kern dieser neuen Herrschaftsformen zu erfassen. Die Zeitgenossen spürten, dass diese Worte und die veränderte politische Wirklichkeit nicht mehr übereinstimmten. Diktatoren und Tyrannen hatte es bereits immer gegeben, die Menschheitsgeschichte kennt nur allzu viele traurige Beispiele. Doch diese Herrscher wollten mehr. Sie trachteten danach, jeden Einzelnen total zu erfassen, als Menschenmaterial nach ihrem Willen zu formen. Keiner durfte ihnen entrinnen. Passivität oder die Flucht des Bürgers ins Private, auch ohne Widerstand geduldet werden. Giovanni Amendola prägte daher bereits 1923 den Neologismus „stato totalitario“ (totalitärer Staat), um Mussolinis neue Herrschaftsform des Faschismus und seine Ideologie zu kennzeichnen. Schnell wurde der Begriff von der geflohenen italienischen Opposition ins Ausland getragen, wo er sich mit den Jahren und vor allem mit den politischen Erfahrungen allmählich durchzusetzen vermochte.

Totalitäre Ideologien, die Grundlage totalitärer Staaten, teilen die Gesellschaft in einen todbringenden Dualismus zwischen Gut und Böse, zwischen Auserwählten und Verdammten. Der Einzelne ist nicht mehr in der Lage, durch sein Verhalten über sein Schicksal zu bestimmen. Vielmehr werden die Menschen Kollektiven zugeordnet, die darüber entscheiden, ob sie ein Recht auf Leben haben oder nicht. So macht sich der Säugling jüdischer Eltern bereits im Mutterleib seiner Herkunft schuldig – sein Recht auf Leben wird ihm aberkannt, noch bevor er geboren ist. Doch nicht nur das. In einer historisch beispiellosen Jagd wurde im 20. Jahrhundert der Rassen- bzw. der Klassenfeind verfolgt, gehetzt und systematisch ermordet. Fast 100 Millionen Menschen fielen dem fanatischen Wahn der totalitären Ideologien zum Opfer, die es sich zum politischen Ziel gemacht haben, die jeweiligen Auserwählten von dem Bösen der Verdammten zu erlösen. Hier wurde systematisch im Namen einer Ideologie getötet und nicht nur aus Gründen der Herrschaftsstabilisierung, Machtversessenheit oder eines willkürlichem Sadismus. Diese Herrschaftsformen waren totalitär, weil sie auf alle Menschen zugreifen wollten, weil sie jedem die Freiheit nahmen, der zu sein und zu werden, der er wünscht. Sie wollten eine neue Rasse bzw. Klasse schaffen und systematisch alle vernichten, die ihnen dazu laut Ideologie im Wege standen.

Diese wesentlichen Unterschiede sollten wir nicht vergessen. Eine Diktatur, eine Tyrannis, auch der späte Faschismus beschreiben ebenfalls Schreckensherrschaften, aber sie beruhen nicht auf einem totalitären Konzept. Ihr Ziel ist die Macht, sie suchen die absolute Herrschaft und gehen über Leichen. Ihr Ziel ist es jedoch nicht, zu Feinden deklarierte Kollektive zu vernichten. Im Namen der Opfer des totalitären Zeitalters und vor allem aus der Pflicht, derartige Verbrechen nicht zu wiederholen, sollten wir uns bewusst sein, was es heißt, in allem Bösen etwas Totalitäres zu sehen. Es bedeutet, die Lehren aus der Geschichte zu vergessen und die Opfer zu relativieren.

(1) Vgl. dazu Sybille Kraffts Leserbrief, dokumentiert in: FREIHEIT UND RECHT, Dezember 2007/4, S. 10.


Die Autorin:
Dr. phil. Evelyn Bokler-Völkel, geb. 1978 in Suttgart, studierte Politikwissenschaft in München, Heidelberg, Florenz, Bonn und Chemnitz. Ihre Promotion verfasste sie zu dem Thema: „Der totalitäre Staat – das Produkt einer säkularen Religion?“ Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Deutschen Gesellschaft e. V. in Berlin.

 

Erschienen in: FREIHEIT UND RECHT 2009 / 2