Max Mannheimer 
 
Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz und Dachau,
Gründungsmitglied und Ehrenvorsitzender des BWV-Bayern

 ist am 23. September 2016 im Alter von 96 Jahren gestorben




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in FuR 2016 u. a.:

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Die Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter

Armin Pfahl Traughber
Hat der islamistische Terrorismus etwas mit dem Islam zu tun?

Gerald Wiemers
Das lange Ringen um Anerkennung (22. Halle-Forum)

Bernd Lippmann
Mit Geheimdienstakten zum Abitur

Hass auf die Juden Drucken E-Mail

Der Antisemitismus hat in Deutschland zugenommen

Von Ernst Eichengrün

„Die Juden sind unser Unglück!“ – In diesem Ausspruch kulminierten seinerzeit die antisemitischen Thesen. Für die Antisemiten galt: Die Juden seien grundsätzlich anders als wir, sie seien durch die Bank bösartig, ja, sie könnten gar nicht anders als bösartig sein, schließlich: sie bedrohten und sie schadeten uns und der ganzen Welt. Eine Gefahr, die es auszuschalten galt.

Dieser Antisemitismus von rechts außen – der ist uns hinlänglich bekannt. Es ist zum Verzweifeln, dass es ihn der Vergangenheit zum Trotz immer noch gibt. Wenn heute etwa 20 Prozent der Deutschen latente oder manifeste Vorbehalte gegenüber Juden haben, so ist das gerade hier keineswegs hinnehmbar. Doch bisher gab es zumindest eine wertvolle Hemmschwelle, die den Judenhass daran hinderte, die engen Grenzen der Neonazi- und Skinhead-Szene zu überschreiten, sich in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren und sich ungeniert zu artikulieren. Und die Restbestände an partieller oder kompletter Ablehnung der Juden konnten mangels Mobilisierung und mangels eines Kristallisationspunktes doch nicht akut krisenhaft werden. So schien es bisher jedenfalls. Denn neuerdings gibt es sehr bedenkliche Ansätze zu einer neuen antij üdischen Stimmung.

Gemeint sind hier nicht nur die Relativierung der Verbrechen der NS-Zeit und das vor ein paar Jahren in die Welt gesetzte Wort von der „Auschwitz-Keule“. Beides schlimm genug. Gemeint ist vor allem die in den letzten Jahren stark angewachsene Abneigung gegen die Juden, festgemacht an der Politik des Staates Israel.

Falsche Einschätzungen Israels

Viele aktuelle Einstellungen zu Israel beruhen auf falscher oder einseitiger Wahrnehmung; diese wiederum gründet in Voreinstellungen und einseitigen Informationen. Was also ist falsch?

• Israel erscheint als Täter, nicht als Opfer. Mit seiner vermeintlichen Halsstarrigkeit wird es als Alleinschuldiger am Nahostkonflikt gesehen. Dass Arafat ein weitreichendes Kompromiss-Angebot Israels ab dem Jahr 2000 mit der 2. Intifada beantwortete, scheint vergessen. Und dass der Rückzug aus dem Gaza-Streifen den bis heute anhaltenden Terror erst recht anfachte, wird ausgeblendet.

• Die von Anfang an latente Bedrohungslage Israels wird nur unzureichend gesehen. Es fehlt zudem an Empathie in die täglichen Ängste der Israelis vor Terroranschlägen.

• Ausmaß und Intentionen der Politik Israels werden grob verkannt. Wer vom „Apartsheids- Staat“ und vom „Vernichtungskrieg“ redet, wer gar die israelischen Maßnahmen mit denen der Nazis vergleicht, beweist damit zumindest Realitätsferne, manchmal aber auch schlichtweg pure Böswilligkeit. Und er spielt denen in die Hände, die sich durch Relativierung von deutscher Schuld entlasten wollen.

• Der israelisch-palästinensische Konflikt erscheint als zentrales, auslösendes Element aller Krisen im Nahen und Mittleren Osten. Ja, sogar als direkte Gefährdung des Weltfriedens. Man verkennt sowohl die mannigfachen Ursachen der anderen Krisen als auch die Tatsache, dass es den Islamisten um nicht weniger als um die Auslöschung Israels geht.

• Die Ablehnung der US-Außenpolitik ist heute weit verbreitet, vor allem genöhrt durch die Politik von Bush. Für viele aber schlägt sachliche Kritik in generelle Feindschaft gegen Amerika um. Alles, was die Amerikaner tun oder fördern, ist eo ipso verdammenswert. Das trifft insbesondere auch Israel.

• Die Annahme, würde Israel den Palästinensern endlich weit genug entgegenkommen, so wäre seine Sicherheit garantiert, ist verfehlt. Die Frage, ob es dann friedlich weitergeht, wird ausgeblendet. Wer weiß schon, wie sehr die palästinensische Autonomie- Behörde gerade in den letzten Jahren die Motivation zum Konflikt forciert hat? Wer kennt die Erziehung zum Hass in den aktuellen Schulbüchern, wer die Gräuel-Filme über kinderschlachtende Juden im palästinensischen Fernsehen?

• Nicht nur, dass an Israel weitaus strengere Maßstäbe angelegt werden als an so manche Problem- Staaten, es wird auch den arabischen Opfern bewaffneter Auseinandersetzungen sehr viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet als den Opfern anderer Konflikte in der Welt. Tatsächlich fordert das innerislamische Gemetzel in vielen Ländern sehr viel mehr Opfer als der Palästina-Konflikt.

• Das Palästinenser-Problem wird oft als sozialpolitisches Problem wahrgenommen: Ginge es ihnen besser, so würden sie friedlich. Die religiöse Dimension des Konflikts wird dabei völlig übersehen. Der arabische Antisemitismus gilt als Resultat des aktuellen Konflikts, doch richtig ist, dass es ihn schon lange gab und mit ihm auch frühe Pogrome. Wer will letztlich garantieren, dass er in Zukunft verschwindet und dass die Moslems mit den Juden friedlicher verfahren als es die islamischen Fraktionen untereinander halten?

• Die vom weltweiten Islamismus ausgehende Gefahr wird immer noch nicht hinreichend wahrgenommen. Wem ist bewusst, dass es dem militanten Islam nicht um ein paar qkm in Palästina geht und auch nicht „nur“ um Israel: Der Nahostkonflikt ist für ihn nur ein Ansatzpunkt, den Westen insgesamt zurückzudrängen.

„In Wahrheit ist jeder modern lebende Mensch und ist insbesondere jede selbstbestimmt lebende Frau Ziel dieses feurigen Hasses (der Islamisten). Der ‚Jude‘ ist hier doch lediglich das Symbol für alles Moderne, ja ein regelrechtes Codewort für ein modernes Leben in Freiheit. Für den Islamismus ist Israel und sind die Juden nur populistische Feindbilder, mit denen generell und universell jede Modernität, mit denen Liberalismus, Freiheit, Gleichberechtigung bekämpft werden.“
Dieter Graumann, Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden

Judenhass von links

Antisemitismus ist durchaus kein Privileg der Rechten. Auch viele radikale Linke hängen ihm an. Für sie sind die Palästinenser ein unterdrücktes, kolonialisiertes Volk, das einen gerechten Befreiungskrieg führt. Neu ist diese Tendenz freilich nicht: Schon für viele 68er gehörte der karierte Palästinenser-Feudel zur obligatorischen Ausstattung. Und etliche RAF-Terroristen lernten ihr blutiges Handwerk bei den Palästinensern.

Für die Stalinisten sind die „Zionisten“ seit Stalins Kampagnen gegen die Juden ohnehin ein Hauptfeind. Für alle Linksextreme gilt Israel heute mehr denn je als Außenposten des Hauptfeindes USA. Für die nationalbolschewistische Fraktion ist das Anprangern vermeintlicher israelischer Gräuel ein Beitrag zur Relativierung deutscher Schuld. So leicht treffen sich auch hier linke und rechte Extremisten.

Ist der linksextreme Hass auf Israel aber vielleicht nur eine Randerscheinung, die sich kaum auf die Gesellschaft insgesamt auswirkt? Für manche Aspekte mag das wohl gelten, doch ein Faktor kann durchaus massenwirksam werden:

Der Kampf gegen den Imperialismus ist heute vom Kampf gegen die Globalisierung abgelöst worden. Wer angesichts komplexer Probleme und latenter Ängste die Orientierung verloren hat, der zieht sich gern auf einfache Welt-Erklärungen zurück. Und da kommt man leicht auf „die Juden“ als die Bösewichter. So erklärt sich, dass in der wenig homogenen Anti-Globalisierungsszene auch Juden-Feindschaft eine Rolle spielt.

Feindbild Israel

„Man wird doch wohl noch Israel kritisieren dürfen“, so heißt es immer wieder in wehleidigem Trotz – durch den oft genug ein hämisches Grinsen hindurchscheint. Nichts ist doch befriedigender, als ein (angebliches) Tabu zu brechen!

Um Missverständnisse zu vermeiden: Nicht jede Kritik an der Politik der israelischen Regierung ist per se antisemitisch. Es ist durchaus legitim, gegen die Siedlungspolitik in der Westbank und den Verlauf des Grenzzauns zu sein. Viele Israelis sind das auch. Doch abgesehen davon, dass wir Deutschen angesichts vergangener, aber nicht vergessener Verbrechen in der Kritik maßvoll sein sollten, droht die bisher klare Linie zwischen einer Kritik unter Freunden und einer Aufkündigung dieser Freundschaft massiv aufgeweicht zu werden. Aus Kritik wird Schmähkritik, aus Bereitschaft zum Verständnis wird hämische Distanz. Abneigung, Ressentiments und Feindschaft breiten sich aus. Feindlich oder zumindest feindselig, nicht bloß „kritisch“ ist bei vielen die Stimmung geworden. Israel erscheint als Haupt-Störenfried des Weltfriedens. Bis zum Hass und zur Dämonisierung ist es bei manchen nicht mehr weit.

Vieles an den Vorurteilen wird durch einseitige Berichterstattung in unseren Medien erzeugt oder verstärkt. Die Antipathien gegen Israel gehen heute weit über die Medien vom linken und rechten Rand hinaus.

Eine weitere Medien-Tenor-Studie, die zwischen dem 1. Oktober 2001 und dem 31. März 2002 durchgeführt wurde, stellte fest, dass 45,2 Prozent aller Berichte über Israel, die im deutschen Fernsehen liefen, negativ waren, während 49,5 Prozent als neutral und lediglich 5,3 Prozent als positiv charakterisiert werden konnten.

Die Wirkung:
65 % der Deutschen sehen in Israel eine Gefahr für den Weltfrieden, mehr als die Bürger jedes anderen EU-Staates. 68 % stimmen der These vom „Vernichtungskrieg“ gegen die Palästinenser zu und 51 % bejahen den Vergleich Israels mit den Nazis.

Ob die breite Öffentlichkeit angesichts solcher Zahlen heute populistische Kampagnen á la Möllemann wohl noch so leicht wegdrücken würde? Und: Wie belastbar würde im Fall einer ernsten Krise wohl die deutsche Solidarität mit Israel sein?

Zum Antisemitismus ist es nicht weit

Fast alle Kritiker Israels weisen den Vorwurf des Antisemitismus weit von sich, und bei vielen stimmt das wohl, selbst wenn man nie weiß, ob einige nicht doch ihre Vorurteile (noch) für sich behalten.

Doch Antisemit ist nicht nur, wer dessen letzte Konsequenz, den Genozid, will. Antisemitismus fängt lange vorher an: Mit der Betonung der Andersartigkeit der Juden, mit gewollter Distanz zu ihnen, mit Pauschalierungen, mit negativen Klischees und feindseligen Vorurteilen und mit der Suche nach Sündenböcken für eigene Nachteile und Gefährdungen.

Die Annahme, das Feindbild Israel würde sich nicht auf die Haltung gegen über den Juden auswirken, ist naiv. Israel steht für die Juden und die Juden stehen für Israel. Nur zu oft werden die Juden insgesamt für Handlungen des Staates Israel in Haftung genommen.

Wer über Israel fast nur negativ berichtet, wer massiv, undifferenziert und schmähend Israel an den Pranger stellt, der müsste also wissen, dass solche Pauschalurteile in aufgeheizter Stimmung ganz von selbst zu Pauschalurteilen über „die Juden“ werden. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn diese Attacken immer wieder erfolgen und mit systematischer Stimmungsmache verbunden sind. Der Verdacht, dass manche das mit Absicht tun, drängt sich immer mehr auf. Vor allem dann, wenn einer nicht auf „die Juden“ eindrischt, sondern auf die „Zionisten“. Manche sind da ganz offen, so der „linke“ Künstler Mikis Theodorakis, der die Juden als „Wurzel des Bösen“ bezeichnet.

„Was an vielen Demonstrationen gegen Israel auffällt, ist, wie schnell das Engagement in einen Hass gegen das Jüdische schlechthin umschlägt.“
Doron Rabinovici, Wiener Schriftsteller

In dieser Entwicklung ist der Weg zum neuen Judenhass angelegt, wenn nicht gar schon beschritten. Nicht ganz der alte Antisemitismus, vielmehr eine neue Variante, von einigen Autoren als „sekundärer Antisemitismus“ bezeichnet. Er spricht gerade durch seine Häufung die Stereotype einer herkömmlichen antisemitischen Wahrnehmungsstruktur an. Was bisher latent da war, wird allmählich verfestigt und traut sich dann hervor, kein offen propagierter, wohl aber ein indirekt herbeigeführter neuer Antisemitismus. Ein Antisemitismus ohne Holocaust und Holocaust-Leugnung, aber auch einer, der bei arabischen oder iranischen Angriffen gegen Israel wohl kaum noch Verständnis für Israel aufbringen würde. Und genau darauf spekulieren die islamistischen Hardliner.

Die Gefahr eines neuen Judenhasses wurde lange nicht gesehen. Wie er aussieht und wie seine Zuträger sich äußern, drang lange nicht ins Zentrum der Wahrnehmung. Niemand vermutete ernsthaft Antisemiten diesseits des rechten Randes.

Erst seit wenigen Jahren gibt es (z.T. leider wenig bekannt gewordene) Publikationen zu dieser Entwicklung. Eine von ihnen ist der von Klaus Faber u.a. im Auftrag des Moses-Mendelssohn-Zentrums herausgegebene Sammelband „Neu-alter Judenhass“ im Verlag für Berlin- Brandenburg, dem die hier wiedergegebenen Zitate entnommen sind.

Im Internet finden sich Infos vor allem auf folgenden websites (jeweils vorher www):
hagalil.com
achgut.com
israelnetz.de
eussner.net
henryk-broder.de
klick-nach-rechts.de
politicallyincorrect.de

Überzogene Kritik an Israel macht  Kritik an „den Juden“ wieder hoffähig, die bisherige Tabu-Schwelle gegen antijüdische Einstellungen und Aussprüche verschiebt sich rasch, neue Antipathien beleben alte, z.T. vergessene Wahrnehmungsmuster und Vorurteilsstrukturen. Die Juden seien am Antisemitismus leider selbst schuld, heißt es immer öfter (oder wird es zumindest nahe gelegt), der Stammtisch triumphiert: „Wir haben es ja schon immer gewusst“. Und freut sich über die Relativierung der deutschen Schuld aus der Vergangenheit. Der nächste Schritt, von einigen schon getan, ist dann das Gerede von der „jüdischen Weltmacht“ und der „jüdischen Weltverschwörung“.

Die Deutschen sind für Katastrophenängste aller Art besonders anfällig. Wenn sich die Ansicht verfestigt, Israel – also auch „die Juden“ – sei der bösartige Störenfried, der den Weltfrieden und damit auch uns bedroht, so rückt das schon in die Nähe der alten These: „Die Juden sind unser Unglück“.

 

Der Autor Ernst Eichengrün, Königswinter, war u.a. Bundessekretär der Jungsozialisten 1967–69, später Vizepräsident des Gesamtdeutschen Instituts, anschließend Mitarbeiter des Bundesarchivs.

 

Erschienen in: FREIHEIT UND RECHT2007 / 2