Max Mannheimer 
 
Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz und Dachau,
Gründungsmitglied und Ehrenvorsitzender des BWV-Bayern

 ist am 23. September 2016 im Alter von 96 Jahren gestorben




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in FuR 2016 u. a.:

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Hat der islamistische Terrorismus etwas mit dem Islam zu tun?

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Das lange Ringen um Anerkennung (22. Halle-Forum)

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Mit Geheimdienstakten zum Abitur

17. Juni 1953: Spuren im Stein Drucken E-Mail

In Leipzig haben engagierte Bürger und Unternehmen der Stadt ein Denkmal für die Opfer des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 errichtet. Ein Bericht anlässlich des 54. Jahrestages

Von Johannes Tiefensee

Dieter Teich ist am 17. Juni 1953 gerade 19 Jahre alt. Gelernt hat er den Beruf eines Gießereifacharbeiters, in seiner Freizeit sammelt er Briefmarken. Erst seit kurzer Zeit ist er beim VEB Mitteldeutscher Feuerungsbau in Holzhausen bei Leipzig beschäftigt.

Heute jedoch arbeitet keiner in seinem Betrieb. Die Kollegen streiken, wie auch Dieter Teich. Gemeinsam mit ihnen zieht er in die Innenstadt Leipzigs. Seit den Mittagsstunden fordern dort die Demonstranten vor der Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit in der Beethovenstraße die Freilassung von Gefangenen. Die Situation eskaliert, die Menge beginnt den Gebäudekomplex zu stürmen. Soldaten geben zunächst Warnschüsse ab. Schließlich schießen Volkspolizisten und Offiziere der Staatssicherheit in die vordrängende Menge. Einige Demonstranten werden verletzt. Dieter Teich ist tödlich getroffen.

Er ist der erste Tote des Volksaufstandes in Leipzig. Noch vor Verhängung des Kriegsrechts.

Insgesamt sterben durch die Ereignisse des 17. Juni 55 Menschen. 18 weitere Todesfälle sind bis heute ungeklärt.

Der Bezirk Leipzig ist eines der Zentren des Aufstandes. Bis zu 80 000 Menschen sind am Demonstrationszug in der Leipziger Innenstadt beteiligt. Sie treten ein f_r eine Verbesserung der Lebensbedingungen, freie Wahlen und die Freilassung politischer Gefangener, bis die Staatsgewalt der DDR mit Hilfe der Sowjetarmee den Aufstand blutig niederschlägt.

Sowjetische Panzer rollen damals mitten durch das Leipziger Zentrum. Auf ihrem Weg bringen sie Tod und Zerstörung. Sie haben eine tragische und unvergessliche Spur hinterlassen.

Im Jahr 2003 fanden sich zehn junge Menschen, die es sich zur Aufgabe machten, die Opfer dieser Spur in einem Denkmal zu würdigen und an die Ereignisse jenes Tages zu erinnern. Ehrgeiziges Ziel war zudem, die Baukosten in Hçhe von 20 000 Euro ganz ohne öffentliche Gelder aufzubringen. Aus der Idee wurde ein Verein mit bald 50 Mitgliedern, auch Dr. h.c. Wolfgang Thierse, damals Präsident des Deutschen Bundestages, trat als Ehrenmitglied bei.

Am 17. Juni 2003 wurde schließlich mit einer bronzenen Gedenkplatte der Grundstein für das Denkmal direkt am Leipziger Markt gelegt. Seit dem 9. November 2003 ist der Bau fertig.

Er ist kein weithin sichtbarer Obelisk oder ein mächtiges Mahnmal. Das Denkmal, dass Spuren nachzeichnen will, ist selbst Spur: Seine Form sind bronzene Abdrücke zweier Ketten jener russischen T34-Panzer, die damals durch die Innenstadt Leipzigs rollten. Die Spuren sind in die Steine der Fußgängerzone eingelassen. Ebenerdig, begehbar und damit überwindbar. Sie sind Zeichen des letztendlichen Sieges des Freiheitswillens der Menschen über ein diktatorisches Regime und gleichzeitig Mahnung an seine stete Gefährdung.

Dieter Teich wird zusammen mit den anderen Toten dieses Tages am 20. Juni 1953 auf dem Leipziger Südfriedhof eingeäschert. Die Angehörigen werden weder informiert noch um Erlaubnis gebeten. Endlich, am 17. August wird die Urne beigesetzt. Der mit der Überwachung der Trauerfeier beauftragte Kriminalpolizist meldet: „Anwesend 10 Personen, keine Vorkommnisse.“

 

Der Autor: Johannes Tiefensee, geboren 1979 in Leipzig, ist Rechtsreferendar in München und seit 2007 Mitglied im Bund Widerstand und Verfolgung (BWV-Bayern).

 

Erschienen in: FREIHEIT UND RECHT 2007 / 2