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Die Chemikerin Esther Bamberger wurde vor 100 Jahren geboren

Von Gerald Wiemers

An der Universität Leipzig war sie als polnische Staatsangehörige eingeschrieben. Abgeschlossen hat sie ihre Promotion als Englnderin. Esther Bamberger, geborene Dym, wurde vor 100 Jahren, am 5. Dezember 1906, in Przeworsk als Tochter des selbständigen jüdischen Kaufmanns Chaim Dym und seiner Ehefrau Chana geboren. Sie besuchte zunächst die Volksschule ihrer Heimatstadt, dann die Höheren Schulen in Berlin und abschließend in Leipzig. 1926 legte sie das Abitur an der II. Studienanstalt in Leipzig ab. Diese Studienanstalt war aus der reformpädagogischen Hugo-Gaudig-Schule hervorgegangen. Die Dyms wohnten in der Pfaffendorfer Straße 16, und nicht weit davon entfernt, in der Döllnitzer Straße, befand sich die Schule.

Bereits im Sommersemester 1926 studierte Esther Dym in Leipzig Chemie. Das Studium der Naturwissenschaften war damals noch außergewöhnlich für eine Frau. Sie wechselte 1927/28 für zwei Semester an die Universität Würzburg und legte ihr erstes Examen im Chemischen Labor ab. Bereits 1929 ist sie wieder in Leipzig und besteht das zweite Examen. Seitdem arbeitet sie an ihrer Dissertation. Unter Leitung des Privatdozenten Dr. Arnold Weissberger, schreibt sie später, konnte die Arbeit zu Ostern 1932 abgeschlossen werden. Die Dissertationsschrift setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Erstens „Über die Geschwindigkeit der Autoxydation“ und zweitens „Über die Reaktion des Diazoessigesters mit Säuren im Gaszustand“.

Ein Teil der Arbeit ist veröffentlicht in Justus Liebigs Annalen der Chemie, Band 502. Ihr jüdischer Lehrer Arnold Weissberger, der bald in die USA emigrierte, schrieb in seinem Gutachten: „Auch bei dieser Arbeit hat sich Frl. Dym als sehr fleißig und überlegt erwiesen und die Fähigkeit gezeigt, die ihr gestellten Aufgaben kritisch und verständnisvoll zu lösen.“ Der Chemiker Burckhardt Helferich stimmte dem Gutachten seines Kollegen vollinhaltlich zu. Die mündliche Prüfung fand am 12./13. Dezember 1932 statt. Helferich prüfte in Chemie, Peter Debye, der spätere Nobelpreisträger, in Physik und Léon Lichtenstein, den das NS-Regime 1933 in den Tod trieb, in Mathematik. „Erfreuliche Kenntnisse und klares Verständnis“ bescheinigte ihr Helferich und sie bekam von allen drei Prüfern gute Noten, wie übrigens auch für die Dissertation.

Zu ihren Leipziger akademischen Lehrern rechnete Esther Dym neben den genannten Persönlichkeiten noch die Chemiker Arthur Hantzsch und Franz Hein, den Zoologen Jürgen Harms, den Mathematiker Paul Koebe, den physikalischen Chemiker Max Le Blanc und die Physiker Otto Wiener und Gregor Wentzel, ein Theoretiker aus der Sommerfeld- Schule, der bereits in Zürich lehrte.

Als Esther Dym im März 1933 in Würzburg Dr. I. D. Bamberger (1902–1974) heiratete, war für das Ehepaar längst klar, dass sie im nationalsozialistischen Deutschland keine Zukunft hatten. Sie emigrierten noch im August des gleichen Jahres in das englische Mandatsgebiet Palästina. Fortan galten sie als englische Staatsbürger. Ihr Ehemann, Bernhard Seligmann Bar (hebräisch: Izchak Dov, deshalb I. D.) Bamberger, kommt aus einer angesehenen Nürnberger Rabbinerfamilie und war im umfassendsten Sinn Anglist und jüdischer Religionslehrer. Er hat in Jerusalem bis 1952 gelehrt, ein vielbeachtetes Lehrbuch geschrieben und war anschließend bis 1968 als Chefinspektor für den Englischunterricht im Erziehungsministerium in Jerusalem tätig.

Der Druck der Dissertation von Esther, der zur Aushändigung der Promotionsurkunde führte, verzögerte sich bis 1935, weil Frau Bamberger die Angelegenheit aus Jerusalem organisieren musste. Das geschah einerseits mit Hilfe ihrer Eltern, die erst später Deutschland verlassen konnten, und mit Hilfe der Professoren Ludwig Weickmann und Burckhardt Helferich.

1948 gehörte die Familie Bamberger mit der Begründung des Staate Israel zu den ersten Bürgern des neuen Staates. Ihre beiden Kinder Elchanan und Naomi wurden 1934 und 1940 geboren.

Das Institut für Chemie ist 1924, noch ein Jahr vor der Eröffnung der Hebrew University in Jerusalem durch Chaim Weizmann, den späteren Präsidenten des Staates Israel, mit begründet worden. In dieses herausragende Institut trat Esther Bamberger ein und leitete an der dortigen Universit_tsbibliothek die Abteilung für Physik und Chemie. Sie genoss in ihrem Amt hohes Ansehen.

Sie starb viel zu jung, mit 56 Jahren am 24. Februar 1963 in Jerusalem. Die Universität Leipzig ist stolz darauf, dass Esther Bamberger zu ihren Studierenden und Promovendinnen gehörte und wird ihr Andenken stets in Ehren bewahren.

 

Der Autor: Professor Dr. Gerald Wiemers, Historiker, Archivwissenschaftler, Universitätsarchiv Leipzig

 

Erschienen in: FREIHEIT UND RECHT 2007 / 1