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Jakob Goldscheid (1910-2010) überlebte zwei Diktaturen Drucken E-Mail

Von Horst Hennig und Gerald Wiemers

 

Das Leben des Jakob Goldscheid war aufregend, der Lebenslauf gebrochen, sein Dasein oft genug gefährdet. Grenzverschiebungen ließen kaum ein Heimat- oder Nationalgefühl aufkommen. Dem Glauben der Väter blieb er desto enger verbunden. Die Fakten sind im Telegrammstil wiedergegeben. Wie es in ihm ausgesehen haben mag, wissen wir nicht. Zu seiner Umgebung war er stets freundlich, hilfsbereit und heiter. Erst im letzen Jahrzehnt scheint der überaus kluge Mann die Ruhe gefunden zu haben, die ihm seine Heimat nicht geben konnte.

Geboren am 3. August 1910 in Bessarabien, ein Landstrich zwischen den Völkern und inmitten der Völker. Sein Geburtsdorf Wertuschan am Fluss Dnister (Dnjestr) gelegen, gehörte zu Russland, zur UdSSR, zur Moldauischen Sowjetrepublik, nach 1919 zu Rumänien, schließlich ab 1940 wieder zu UdSSR und dann endgültig zu Moldawien. Seine Eltern jüdischen Glaubens Joil Goldscheid (1860-1930) und Boba (†1915) arbeiteten in Wertuschan als Bauern und hatten acht Kinder: Tila, Nahum, Josef, Baruch, Isaac, Rachel, Jakob und Awner.[1] Die Mutter starb, als Jakob fünf Jahre alt war. Sein Vater hat wieder geheiratet. Die zweite Frau hat ein Kind in die Ehe mitgebracht. Gemeinsame Kinder gab es nicht. Sein jüngster Bruder Awner ist mit 24 Jahren Opfer des „Großen Terrors“ von Stalin und seines Geheimdienstchefs Nikolai I. Jeschows geworden.

Für den begabten Jakob wurde alles getan, um ihn eine hohe Schulbildung zu ermöglichen. Er wuchs zweisprachig auf (Jiddisch, Rumänisch), besuchte ab 1915 die jüdische Religionsschule, 1919 die Volksschule und schließlich ab 1925 das jüdische Gymnasium „Davidstern“ in Kischinov. Zu dieser Zeit beherrschte er fünf  Sprachen: neben Jiddisch und Rumänisch auch Hebräisch, Deutsch und Französisch. Ausgestattet mit einem Visum konnte er sich 1928 am Agrarwissenschaftlichen Institut der Universität Toulouse einschreiben. Er reiste zusammen mit seiner Schwester nach Frankreich.[2]. Allerdings studierte er kaum, sondern arbeitete in einem Chemiebetrieb. Die äußeren Umstände zwangen ihn dann, eine Stelle als Schriftsetzer in der Druckerei „Drapeau Rouge“ in Paris anzunehmen, in der die kommunistische Zeitung verlegt wurde. Als sein Visum abgelaufen war, kehrte er 1932 nach Rumänien zurück. Goldscheid leistete seinen zweijährigen Wehrdienst in der rumänischen Armee. Anschließend unterrichtete er als Lehrer für Mathematik und Französisch in der nordrumänischen Universitätsstadt Jassy. Nach der Besetzung Bessarabiens durch die „Rote Armee“ war er kurze Zeit Redakteur einer Zeitung in Soroka, nahe der Grenze zur Ukraine. Hier heiratete er seine Frau Eva (1921-1986). Mit Kriegsausbruch 1941 flieht Goldscheid in das südliche Zentralrussland, in das Gebiet (Oblast) Tambow . Im Oblast Orlowskaja gerät er in ein Arbeits-Bataillon und wird als Bauwollpflücker nach Taschkent geschickt. Nur ein Jahr später, 1943, unterrichtet er als Deutschlehrer in Kasansai, Oblast Namangan (Usbekistan) und ein Jahr darauf wird er als Regiments-Dolmetscher zur Roten Armee eingezogen. Am 9. Februar 1945 gerät er als „Rotarmist“ in deutsche Gefangenschaft und wird am 5. Mai von der amerikanischen Armee befreit. Nur wenige Monate später wird er als Dolmetscher für Englisch eingesetzt, ehe er wieder bei der Roten Armee in Wien als Dolmetscher arbeitet. Schließlich wird er demobilisiert und kehrt nach Soroka in Moldavien zurück. Hier unterrichtete er fünf Jahre Russisch und Französisch. Sein Sohn Ilja[3] wird 1947 in Soroli geboren. 1951, im Zuge einer Massenverhaftung durch den sowjetischen Geheimdienst MGB, wird er festgenommen und wegen „zionistischer Umtriebe“[4], dem sowjetischen Antisemitismus geschuldet, zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Der sowjetische Geheimdienst verschleppte ihn in das nördlich vom Polarkreis gelegene Workuta. Dort arbeitete er in dem berüchtigten Straflager Nr. 10, Schacht 29. 1953 wird er unmittelbar Zeuge des Aufstandes der Gefangenen aus mehr als 20 Ländern gegen ein unmenschliches System. Sie streikten gegen die unrechtmäßige Behandlung und für bessere Lebensbedingungen.

Am 31. Juli/1. August 1953 schießen Truppen des Innenministeriums auf die wehrlosen, ausgehungerten Gefangenen. 62 werden getötet und 136 verletzt. Unter den Schwerverletzten befand sich der deutsche Gefangene Bernhard Schulz (geb. 1926). Durch eine Schussverletzung wird er arbeitsunfähig. „Ich erhielt weniger Lebensmittel“ , schreibt Bernhard Schulz rückblickend 2001, „was sich auf meinen gesundheitlichen Allgemeinzustand lebensbedrohlich auswirkte. In diesem Zustand bekam ich Beistand und lebenswichtige Nahrungsmittelzuwendungen von meinem russischen Mithäftling jüdischen Glaubens, dem Sprachlehrer Jakob Goldscheid.“ [5] Ähnlich äußerte sich der deutsche Häftling Heini Fritsche, der eine lebensgefährliche Verwundung erlitt. „Im Lagerhospital war ich längere Zeit bettlägerig, wurde aber auf Betreiben des Politoffiziers des Lagers 10 in nicht ausgeheiltem Zustand zurück ins Bergwerk geschickt. Meine allmähliche Gesundung verdanke ich der tätigen Hilfe des russischen Mithäftlings jüdischen Glaubens Jakob Goldscheid, indem er für bessere Ernährung sorgte.“[6]

Im Juli 1956, lange nach Stalins Tod, wird Jakob Goldscheid aus dem Straflager Nr. 10, Schacht 29, aus Workuta entlassen. Eine Rehabilitierung durch die russischen Behörden erfolgte nicht. In Lwow, früher Lemberg, erhält er eine Anstellung als Englischlehrer. Aber schon nach kurzer Zeit wird er, trotz des XX. Parteitages der KPdSU, als „Workuta-Sträfling“ entlassen. Goldscheid nahm dann eine Stelle im Innenministerium als Lehrer in einer Strafanstalt für Jugendliche an. 1978 trat er in den Ruhestand und zehn Jahre später wandert nach Israel aus. Dort trifft und heiratet er bald eine alte Bekannte.[7] Einmal jährlich ist er zu Besuch in die Bundesrepublik gereist. In Bochum hat er seinen Sohn besucht, der an der dortigen Universität als Dozent Mathematik lehrte.

Anlässlich seines 100. Geburtstages erinnerte die Lagergemeinschaft Workuta in einem Schreiben an die Toten und Verwundeten des Aufstandes von 1953 in Workuta: „Sie setzten ihr Leben gegen eine unmenschliche Diktatur ein, für Freiheit, Recht, Menschlichkeit und gegen ein verbrecherisches kommunistisches Regime.“

Jakob Goldscheid gehörte zu den Aufrechten, zu den Humanisten in einer dunklen Zeit. Seine Schwester Rahel mit Familie wurde Opfer des Holocaust und sein Bruder Awner kam im GULag um. Er hat beide Diktaturen glücklich überstanden und starb am 26.Oktober 2010 in Ganey Tikva in Israel.



[1] Tila (1894-1966, UdSSR), Nahum (*1896, USA), Josef (*1899, USA), Baruch (* 1901, USA), Isaac (*1904, USA), Rachel (1908-1942 [?], KZ Auschwitz [?]), Jakob (1910-2010), Awner (1913-1937, ermordet in der UdSSR während des Stalinschen Terrors).

[2] Jakob Goldsteins Schwester kehrte nach Bessarabien zurück und erkrankte an Tbc, erholte sich , heiratete und bekam zwei Kinder. Ihre ganze Familie ist während des Krieges 1942 (?) im Holocaust im Todeslager Auschwitz (?) umgebracht worden.

[3] Prof. Dr. Ilya Goldsheid lebt in London und lehrt Mathematik an der Queen Mary University of London.

[4] Heini Fritsche an Gerald Wiemers, Bonn, 3. Jan. 2011

[5] Bernhard Schulz, Vaihingen, an Dr. Horst Hennig, 17. April 2001

[6] Heini Fritsche, Bonn, an Dr. Horst Hennig, 15. April 2001

[7] Seine zweite Frau Karina Shvartzman (1912-2007) lernt er bereits in Paris, im Rekrutierungsbüro für die Internationalen Roten Brigaden für den spanischen Bürgerkrieg kennen. Sie war damals Mitte zwanzig. Nach ihrer kommunistischen Vergangenheit in der Zeit der Perestroika befragt, meinte sie: „War man jung, war man dumm“. Richtig kennen gelernt hat er sie und die befreundete Familie Shvartzman erst 1956 in Lwow. Sie war viele Jahre verwitwet, als sie 1988 in Israel geheiratet haben.